Sachsenhausen

Für meine Eltern, die damals gerade so auf die Dreißig zusteuerten, waren die die Ausflüge nach Ende Sachsenhausen sowas wie „auf die Piste gehen“ für Twens. In Eschborn war tote Hose, aber in Sachsenhausen war in den Siebzigern die Hölle los. Nicht wie heute die jungen Leute, die durch Sisha Bars, Pubs und Rock-Clubs ziehen, sondern damals waren alle unterwegs. Ob alt oder Jung, ganze Familien genauso wie die Frankfurter Rentner.

Die Kneipen waren voll. Es gab viel mehr echte Ebbelwoi – Kneipen als heute. Aber trotzdem bekam man nur schwer einen Platz. Wir drängten uns zu dritt oder später zu viert immer an die Ecke von einem Tisch. Es gab nur die langen Tischen mit den Holzbänken. Und die Leute saßen eng an eng. Die Luft stand vor lauter Rauch (damals rauchten alle und das in der Kneipe) und der Geräuschpegel war so hoch, dass jeder schreien musste.

Wir gingen fast immer in den Hinnerkopp. Der hat 2002 zu gemacht und war in der Großen Rittergasse 53-59, direkt an einem der Eingänge vom Lorsbacher Thal. Ins Lorsbacher Thal gingen wir nur im Sommern, weil man draussen sitze konnte oder wenn es im Hinnerkopp voll war.

Unser Fußball – Tor

Bier gab es damals nicht. ich kann mich nicht daran erinnern. Also musste mein Papa als Neu-Hesse wohl auch Äppler trinken. Aber meinen Eltern muss es Spaß gemacht haben, wir gingen dort oft hin. Meistens wenn wir meine Mutter bei C&A abgeholt haben, die Samstag dort gearbeitet hat. Wahrscheinlich an den kurzen Samstagen, wenn um 14:00h Schluss war. Da war mehr Zeit und ich bzw. wir waren ja jung. Der „lange“ Samstag, der erste Samstag im Monat, war da mit 18:00h schon zu spät.

Jedenfalls durfte ich mich für Sachsenhausen immer gut anziehen. Ich hatte eine Art Anzug und manchmal eine Krawatte mit Gummizug. Jedenfalls war ich stolz.

Manchmal durfte ich Spielzeug mitnehmen, aber meist bekam ich einen Stift und Zettel vom Ober. Damals hatten die Kneipen noch keine Computer und elektronische Kassen. Da malte ich etwas, meist mit Unterstützung der Nachbarn.

Die schönte Zeit war immer der Herbst. Ich freute mich jedes mal, wenn der „Süsse“ wieder ausgeschenkt wurde.

Später durfte ich auch raus. Wir stromerten durch die Rittergasse, vom Spritzenhaus bis zum Kuhhirtenturm. Oft genug spielten wir in der Nebengasse, dem Durchgang zum Lorsbacher Thal Fußball. Der Gang war das Tor. Als Kind war man da selten alleine. Ich war glücklich.

Zwischen durch kam der Brezelmann. Eine Brezel oder ein Haddekuchen waren eine leckere Alternative zum Rippchen mit Kraut. Ab und zu aß ich auch mal eine Schlachtplatte mit Blut- und Leberwurst. Mal war das absolut lecker, aber manchmal konnte man mich damit jagen.

Durch die Strassen zogen auch Leierkasten-Spieler. Und abends kamen die Zeitungsverkäufer. Bild-Zeitung und Abendpost Nachtausgabe. Die ersten in Rot, die anderen in Blau. Einer lauter als der andere versuchten sie ihre Zeitungen von morgen schon heute an den Mann zu bringen. Heute weiß ich, dass beides Lügenblätter waren, aber damals fand ich das sehr aufregend.

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