Laune der Natur

Wer im Vitrolles-Ring auf den Bus wartet, schaut erstaunt auf ein Schild. In Fahrtrichtung des Busses sind es 4444km bis zum Nordpol. Nur sehr wenige haben vor soweit zu fahren. Und selbst die, die es in polare Regionen zieht, steigen am Frankfurter Flughafen um. Und das Terminal ist nur 10 km Luftlinie entfernt.

  Interessanter ist da die Gegenrichtung. Etwas weiter ist es nämlich bis zum Äquator. Ganz genau 5555 km. Aber wegen dem Wetter würden sich die meisten für diese Richtung entscheiden.

Ich bleibe vor dem Schild stehen und wundere mich. Vom Äquator bis zum Nordpol sind es genau 9999km. Ist das eine Laune der Natur?

Warum sind es nicht 9100km, 8567km oder 10401km? Wieso so eine Schnapszahl?

Ich krame in meinem Gedächnis. Ein Meter. Was war das noch mal? In Paris wurde der Meter Ende des 18. Jahrhunderts festgelegt und in Platin gegossen. Danach regelt sich alles. Aber auch die Erdgröße? Mir kommt das komisch vor.

Also fange ich an zu suchen. Der Abstand zwischen zwei Breitengraden beträgt 111 km. Schon wieder eine Schnapszahl. Macht das vielleicht Sinn. Aber 90 mal 111 km ergibt 9990 km. Das weicht um 9 km ab. Es wird immer komischer.

Wie wurde denn der Meter festgelegt? Auswendig hätte ich gesagt: Nach Normierung historischer Längemasse wie Elle, Arm, Meile. Aber Wikipedia bringt Licht ins Dunkle. Zwischen 1792 und 1799 bestimmten Delambre und Méchain die Länge der Entfernung von Dünkirchen und Barcelona aus. Der Meter wurde nämlich als ein Zehntmillionstel der Entfernung zwischen Pol und Äquator festgelegt. Obwohl die beiden sehr genau arbeiteten, kam es zu einer geringfügigen Abweichung. Die betrug zwar nur 0,02%, ist aber bei der weiten Entfernung von Bedeutung. Demnach ist die Strecke zum Pol  10 001,966 km lang. Das sind drei mehr als auf dem Schild.

Was ist denn nun richtig: 10002km, 9999km oder 9990km?

Die Lösung ist einfach: Die 111km sind gerundet. Der Abstand zwischen den Breitengraden variiert in der Realität zwischen 111,694 km am Pol und 110,574 km am Äquator. Und bei drei Kilometern Gesamtabweichung dachten sich die Schildermacher: Schnapszahlen sehen besser aus.

Das Ergebnis ist neues und aufgefrischtes Wissen bei mir. So soll es ja eigentlich auch sein. Das Schild soll anregen zum Träumen, zum Nachdenken und zum kritischen Hinterfragen von Schildern. Mission erfolgreich erfüllt. Das ist eine Menge für so ein kleines Schild.

Und wer in Zukunft bei einer Leichtathletik-Veranstaltung zuschaut sollte an die Folgen dieser Abweichung denken. Ein 10.000m Läufer müsste am Ende seines Rennens eigentlich noch 1,966 m laufen, um ins Ziel zu kommen.

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